China ist heute—kaufkraftbereinigt—bereits die größte Volkswirtschaft der Welt.
China ist ein wichtiger Handelspartner Deutschlands, sowohl beim Export als auch beim Import. Bei Autos hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren umgekehrt: China war lange der Exportmotor für deutsche Fahrzeuge. Inzwischen hat sich diese Bilanz ins Negative gedreht.
China ist Systemrivale der USA und damit des Westens—durch seine stark wachsende Wirtschaft und zunehmende Technologieführerschaft.
Um das zu verstehen, müssen wir mit falschen Wahrnehmungen aufräumen.
Chinas Zielstrebigkeit und Zielerreichung sind beeindruckend. Das zeigt sich an der Produktivität pro Einwohner, am Bildungsgrad und an der Lebenserwartung—in all diesen Kennzahlen weist der Trend nach oben.
Einzig die Geburtenraten von 0,9 bis 1 liegen sehr weit entfernt vom Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau - ein Problem, welches China mit dem Westen teilt, dass aber hier sehr viel stärker ausgeprägt ist: Im Jahr 2100 werden nur noch 36% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sein.
Die Kommunistische Partei Chinas hat bereits erkannt, dass die Lücke zu groß ist, um sie in den kommenden Jahrzehnten zu schließen. Der einzige Ausweg besteht in einer massiven Steigerung der Produktivität und dem Ausbau von Gesundheitstechnologien—weit über bekannte Systeme wie Krankenhäuser und Pharmaindustrie hinaus.
Das führt uns zurück zum bemerkenswerten Vortrag von Li Qiang (李强) am 5. März 2025 vor dem Volkskongress. Der Planungsprozess, die Bürgermeister-Ökonomie, das weiterhin enorme wirtschaftliche Potenzial Chinas sowie seine strategische Achillesferse—all das bildet den entscheidenden Kontext, um die Aussagen in diesem Dokument einordnen zu können.
Um es vorwegzunehmen: Die Dominanz Chinas bei Elektrofahrzeugen ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines umfassenden Plans. China will CO₂-Neutralität erreichen—doch es geht dabei vor allem um das Wohl der Menschen, erst dann um den Erhalt von Ressourcen.
Die Liste der Zukunftsindustrien, die Li Qiang vorstellte, klingt ambitioniert und utopisch—wie ein Roman von Jules Verne. Dabei geht es stets um zwei zentrale Themen: Produktivität (Automatisierung, Datenverarbeitung, Erschließung neuer Räume durch Logistik) und Lebensqualität.
Wozu dient diese hochambitionierte Liste? Warum wird das publiziert?
Mit einer solchen Liste können Investitionen gelenkt, Bildungsprogramme ausgerichtet und gesetzliche Rahmen gespannt werden. Themen können fokussiert oder depriorisiert werden: alle Dinge, die nicht auf der Liste stehen, werden keine zusätzlichen Ressourcen erhalten.
Elektromobilität fehlt auf der Liste—sie wurde bereits geplant, mit Kapital ausgestattet und den Marktkräften überlassen. Auch Kernenergietechnik fehlt, da China hier einen eigenständigen 50-Jahres-Plan zur Energieautarkie verfolgt und in einigen Technologien (z. B. Molten-Salt-Thorium-Reaktoren, modularisierte Schnelle Brüter) bereits weltführend ist. Gleichzeitig verfügt China bereits über den größten Ausbau an Solar- und Windanlagen, das längste 500-kV-Übertragungsnetz und das längste Hochgeschwindigkeitszugnetzwerk.
Militärische Technologien stehen naturgemäß nicht auf der Liste. Doch eine Dominanz im unterseeischen Bereich, bei Quantenkryptografie, in der Infrastruktur—Straßen, Bahnen, Brücken, Tunnel—sowie bei 6G-Technologie bringt automatisch militärische Vorteile.
Anders als im Westen werden Großprojekte nicht nach kurzfristigem ROI gesteuert, sondern stehen im Kontext eines größeren Plans: China an die Stelle in der Welt zurückzuführen, die es einmal eingenommen hat. Dazu braucht es Bildung, Forschung, Spitzentechnologie, erstklassige Infrastruktur und Sicherheit.
Besonders aufschlussreich sind die folgenden Seiten des Berichts von Li Qiang—denn hier werden diese Leitplanken in konkrete, umfassende Szenarien übersetzt.
China verfügt heute über die mächtigste industrielle Basis der Welt. Das Land ist zur Fabrik der Welt geworden—anfangs durch günstige Arbeitskräfte aus ländlichen Regionen. Doch die Arbeitskosten sind mittlerweile gestiegen. Chinas Antwort: massive Investitionen in Bildung. Während in Deutschland jährlich etwa 130.000 bis 150.000 Ingenieure ihre Ausbildung abschließen, sind es in China 1,3 bis 1,5 Millionen—also 8 bis 12-mal so viele. Zum Vergleich: Die USA bilden etwa 260.000 Ingenieure aus, Russland ca. 450.000, Indien etwa 1,5 Millionen.
Die Intelligenz des größten Fertigungsnetzwerks der Welt beginnt mit der schieren Anzahl an Ingenieuren. Kaum ein Land wird China diesen Rang entreißen können.
In Zukunft werden nationale und internationale Produzenten in China fertigen können—denn China wird über sämtliche Technologien und Innovationen verfügen. Gleichzeitig baut China intelligente Produktions- und Logistiknetzwerke auf, um die zerstörerischen Kapazitätsschwankungen der Marktwirtschaft zu meistern.
Dieses Gesamtszenario vereint unterschiedlichste Aspekte: Kernkompetenzen, krisenhafte Schwankungen, Bildungssystem, Kapitalversorgung, Migration, individuelle Anreiz- und Bestrafungssysteme sowie die Koexistenz von privaten und staatlichen Unternehmen.
Die Zukunft wird zeigen, ob das alles so funktioniert. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr hoch, dass China innerhalb eines Jahrzehnts—oder früher—ein intelligentes Fertigungs- und Logistiknetzwerk aufbauen wird, das kosten- und qualitätsseitig auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist. Konkurrenzfähiger als derzeit in Deutschland.
Denn hier ringen wir mit vergleichbaren Plänen. Das einzige vergleichbare Papier ist der Draghi-Bericht von 2024. Er richtet sich an die EU—die kein Staat ist und keine belastbare Governance oder Umsetzungskraft besitzt. Es ist eher eine Stimme von der Seitenlinie als ein bereits in die Umsetzung integrierter Plan.
Dieser Aufschwung Chinas zeigt sich am privaten Autobesitz: In den 1980er Jahren kamen etwa 5 PKW auf 1.000 Einwohner—heute sind es 240 (Deutschland: 580, USA: 800).
China ist mit etwa 26 Millionen Autos pro Jahr der größte Automarkt der Welt (Europa: 12 Millionen, USA: 15 Millionen). Das Land führt zudem in der Herstellung batterieelektrischer Fahrzeuge mit rund 7,5 Millionen Einheiten. Der Export ist in den letzten fünf Jahren von etwa 1 Million auf 5,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr gestiegen – Tendenz weiter steigend.
1. Autos werden weltweit künftig überwiegend chinesisch sein. Für deutsche Autos bleibt möglicherweise eine technische Nische.
Gleichzeitig wird der chinesische Automarkt wachsen—es sei denn, der private Autobesitz wird durch ÖPNV, Niedrigflugverkehr und autonome Fahrzeuge ersetzt. Doch auch in diese Bereiche wird bereits investiert. Trotzdem dürfte der Markt bis 2030 auf 27 bis 36 Millionen Autos weiter wachsen.
Mit dem steigenden Lebensstandard in China wachsen die Einkommen, und der Vorteil eines Low-Cost-Entwicklungslandes entfällt. Nach der Logik der Autoindustrie bedeutet das normalerweise die Verlagerung an günstigere Standorte—so konnten wir es seit etwa 100 Jahren beobachten. Es sei denn, die Produktionsfaktoren verbessern sich: Die Kosten für Energie, Zulieferung, Logistik und Kapital gleichen die höheren Personalkosten aus und die Produktivität steigt.
2. Die Produktionskosten in China werden weiter sinken, da massiv in Produktionsfaktoren wie Energie, Logistik und Automatisierung investiert wird.Während wir in Europa noch diskutieren, ob Kernkraftwerke nachhaltig sind, baut China bereits die Welt von morgen: hochproduktive intelligente Fertigungs- und Logistiknetzwerke, smarte Lebensräume, moderne Gesundheitsversorgung.
3. Der Autohandel wird am wenigsten betroffen sein. Die Anzahl der Fahrzeuge in Deutschland und Europa bleibt konstant. Das Netzwerk für Kundenkontakt und Kundenversorgung bleibt unverzichtbar.
Der Wandel für die Menschen in Deutschland ist historisch. Es wäre interessant zu wissen, wie die Menschen in China diesen Wandel erleben. Es muss sehr viele Gewinner geben—und sicher auch einige Verlierer. Aber nach dem, was die Chinesen planen und was ihre Zahlen zeigen, können das nicht viele sein.
China ist bisher für viele ein exotisches Reiseland. Es wäre nicht verwunderlich, wenn in den kommenden Jahren deutlich mehr Menschen sich persönlich ein Bild davon machen wollen, was im Reich der Mitte vor sich geht.